Kampf gegen Sepsis – Adrenomed könnte nächste deutsche Biotech-Erfolgsgeschichte werden

Handelsblatt

Von: Maike Telgheder

Der Biochemiker Andreas Bergmann will den ersten Wirkstoff gegen Sepsis zur Marktreife bringen. Investoren halten das Projekt für vielversprechend.

Dr. Andreas Bergmann
Seriengründer Andreas Bergmann
Der Mitgründer der Biotechfirma Adrenomed hatte unter anderem auch die Diagnostikfirma Brahms mitgegründet,
die 2009 an den US-Konzern Thermo Fisher verkauft wurde.

(Foto: Adrenomed)

Frankfurt  Die Sterblichkeit von Patienten auf Intensivstationen zu senken, dieses Ziel treibt Andreas Bergmann seit vielen Jahren an. Sepsis ist eines der großen Themen, zu denen der promovierte Biochemiker seit mehr als drei Jahrzehnten forscht. Diese Überreaktion des körpereigenen Abwehrsystems auf eine Infektion kann zu schweren Funktionsstörungen der inneren Organe und letztlich zum Tod führen.

„In Deutschland sterben jedes Jahr 80.000 Menschen an Sepsis. Wir haben uns das Ziel gesetzt, ein Medikament zu entwickeln, das diese Sterblichkeit deutlich reduziert“, sagt der Mitgründer und Chief Scientific Officer der Biotechfirma Adrenomed.

Bei der Diagnostik der Blutvergiftung, wie Sepsis umgangssprachlich heißt, hat Bergmann bereits vor Jahren Maßstäbe gesetzt. Der heute 59-Jährige entdeckte den Blut-Biomarker, der eine Sepsis anzeigt und entwickelte entsprechende Labortests, die zum neuen diagnostischen Standard bei der Versorgung von Sepsis-Patienten wurden. Damals war Bergmann noch Mitgründer und Forschungschef der Diagnostikfirma Brahms, die er 2009 mit seinen Mitstreitern an den US-Konzern Thermo Fisher verkaufte.

Um eine Therapie gegen Sepsis zu entwickeln, hob Bergmann mit dem Gründerteam von Brahms im selben Jahr die Firma Adrenomed aus der Taufe. Der Wirkstoffkandidat des Unternehmens, ein sogenannter monoklonaler Antikörper namens Adrecizumab, wurde bislang in den ersten beiden klinischen Studienphasen an Menschen erfolgreich getestet. Jetzt gehen Bergmann und seine Mitstreiter daran, die entscheidende zulassungsrelevante Studie zur Wirkung des Mittels bei septischem Schock vorzubereiten.

In Venture-Capital-Kreisen zählt Adrenomed derzeit zu den Hoffnungsträgern, die den Sprung in die erste Liga der Biotechbranche schaffen könnten. Das hatte kürzlich eine Umfrage des Handelsblatts unter führenden Wagniskapitalgebern ergeben. Matthias Kromeyer, General Partner der MIG Verwaltungs AG, die nicht bei Adrenomed investiert ist, sieht den von Adrenomed entwickelten Wirkmechanismus gegen Sepsis als vielversprechend an. Positiv bewertet er auch, dass der Antikörper ein fortgeschrittenes klinisches Produkt ist.

Aussichtsreicher Markt

Für die Investoren zählt unter anderem, dass das Unternehmen einen innovativen Wirkansatz entwickelt hat, der auf einen „unmet medical need“ ausgerichtet ist, also auf nicht oder nicht zufriedenstellend zu behandelnde Erkrankungen.

Zudem geht es um einen aussichtsreichen Markt: „Adrenomed entwickelt eine Therapie, die einen der größten Märkte in der Medizin adressiert“, sagt Rainer Strohmenger, Managing Partner vom Wagniskapitalgeber Wellington, der seit Jahren bei Adrenomed investiert ist. Allein in Deutschland gebe es jährlich geschätzt mehr als 400.000 Fälle von Sepsis.

Daneben punktet Adrenomed bei den Investoren auch mit der Erfahrung seiner Gründer, von denen die meisten Seriengründer sind. Bergmann etwa hat neben Brahms und Adrenomed unter anderem noch das Diagnostikunternehmen Sphingotec aufgebaut. Die Firma mit rund 80 Mitarbeitern entwickelt und vertreibt unter anderem diagnostische Tests für die Intensivmedizin, also etwa für die die Diagnose, Überwachung und Therapiekontrolle von akutem Nierenversagen, Herzinsuffizienz und dem septischen Schock.

 

„Andreas Bergmann ist ein unglaublich engagierter Wissenschaftler, der sich zum Ziel gesetzt hat, das Thema Sepsis zu durchdringen“, sagt Strohmenger von Wellington. Bergmann ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Veröffentlichungen und hält mittlerweile weit über hundert Patente. Rund zwei Dutzend diagnostische Tests, die er entwickelt hat, sind derzeit am Markt im Einsatz.

Der Hauptgrund, warum Menschen an Sepsis versterben, ist der Verlust der sogenannten Endothelfunktion. Das Endothel ist eine kleine Haut, die die innere Seite der Blutgefäße einkleidet und sie dicht hält. Diese Haut wird etwa durch Infektionen oder Entzündungen löchrig. Dann wird ein Hormon namens Adrenomedullin freigesetzt, das die Reparatur dieses Schlauchs ermöglicht. Das Hormon regelt aber auch die Durchlässigkeit der Blutgefäße, etwa damit im Falle einer Infektionen Immunzellen das Blut verlassen können. Gerät dieser Mechanismus aus den Fugen und lässt alle Gefäße aufgehen, bricht vereinfacht gesagt der Blutdruck zusammen, Organe werden unterversorgt, versagen – und der Patient stirbt.

Der Wirkstoff von Adrenomed sorgt dafür, dass die Endothelschranke stabilisiert wird – und zwar innerhalb von wenigen Minuten. Der Antikörper bindet an das Hormon Adrenomedullin, was das Hormon vereinfacht gesprochen zu groß macht, um die Blutgefäßschranke zu passieren.

Da nicht alle Fälle von Sepsis auf den Verlust der Endothelfunktion zurückgeführt werden können, sondern auch andere Ursachen haben können, hat Bergmann mit dem Team seiner Sphingotec spezielle diagnostische Tests entwickelt. So können die Patienten, bei denen der Wirkstoff von Adrenomed sinnvoll eingesetzt werden kann, gezielt herausgefiltert werden.

 

Internationale Studie in Planung

Ende vergangenen Jahres sammelte das Unternehmen unter der Beteiligung der bestehenden Investoren Wellington Partners und HBM Healthcare Investments in einer Finanzierungsrunde der Serie E rund 22 Millionen Euro ein. Jetzt sucht das Team weitere Geldgeber, um die zulassungsrelevante Studie zu finanzieren.

„Unser derzeitiger Plan ist, eine internationale Studie aufzusetzen, die in den USA, Europa und China läuft. In die werden wir bis zu 1000 Patienten einschließen. Der Finanzierungsbedarf für eine solche Studie inklusive der Produktion des Medikamentenkandidaten liegt im dreistelligen Millionenbereich, dafür gehen wir jetzt auf Investorensuche“, sagt Frauke Hein, Mitgründerin und Chief Business Officer bei Adrenomed.

Klappt alles wie geplant, könnten die ersten Patienten ab der zweiten Hälfte des kommenden Jahres in die Studie aufgenommen werden. „Wir planen derzeit mit einer Rekrutierungszeit von etwa zwei Jahren, dann brauchen wir noch etwa ein Vierteljahr, um die so genannten Top-Line-Results zu haben. Und erst dann wissen wir, ob wir unser Ziel erreicht haben“, sagt Bergmann.

 

Im Erfolgsfall hat es dann von der Gründung des Unternehmens bis zur Zulassung des Wirkstoffs rund 15 Jahre gedauert. „In der Medikamentenentwicklung muss man Geduld mitbringen“, sagt Hein.

 

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